«Jetzt braucht es Tempo bei der Umsetzung.»
Das neue Co-Präsidium von «Läbigi Stadt»: Vera Zotter und Christoph Leuppi.
Foto: Franziska Rothenbühler
Am 11. Mai 2026 wählte die Jahresversammlung das neue Co-Präsidium: Vera Zotter und Christoph Leuppi. Sie ersetzen Laura Binz und Marius Christen, die seit 2018 «Läbigi Stadt» präsidierten. Vera Zotter ist Politologin, Geschäftsführerin und Stadträtin der SP, Christoph Leuppi ist Experte für Internationale Beziehungen und Stadtrat der GFL.
Der dänische Stadtplaner und Architekt Jan Gehl sagte: „Zuerst formen wir die Städte – dann formen sie uns.“ Seht ihr das auch so?
Vera Zotter: Für mich ist es ein Wechselspiel: Städte sind wie die Menschen, die sie bewohnen, ständig im Wandel. Bedürfnisse, Voraussetzungen und Möglichkeiten verändern sich stetig. Mit der Klimakrise hat der externe Druck, die Städte zu verändern, sicher extrem zugenommen. Wir müssen uns anpassen und die Stadt Bern so formen, dass sie den kommenden Herausforderungen gewachsen ist.
Christoph Leuppi: Ich finde ja. Der öffentliche Raum prägt unser tägliches Leben stärker, als uns oft bewusst ist. Er entscheidet mit darüber, ob wir gerne zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs sind, ob Kinder selbstständig draussen spielen können oder ob wir auch an einem heissen Sommertag einen schattigen Platz finden. Gute Stadtplanung verbessert deshalb nicht nur den Raum, sondern formt in diesem Sinne auch unsere Lebensqualität.
Warum ist der öffentliche Raum der einzige Ort, an dem wir das 'Parken' von Privateigentum auf öffentlichem Grund tolerieren?
VZ: Das ist wohl historisch zu begründen. Das Auto war lange Zeit das geförderte Hauptverkehrsmittel. Die Entwicklung geht mittlerweile sicher in die richtige Richtung – immer mehr Menschen verzichten auf ein Auto. So kann der öffentliche Raum, der heute für Parkplätze genutzt wird, wieder mehr den Menschen als Aufenthaltsraum zur Verfügung gestellt werden. Gerade in Zeiten der Individualisierung, ist es zentral, genügend Begegnungsorte und Freiräume zu haben.
CL: Der öffentliche Raum ist ein knappes Gut. Deshalb sollten wir ihn immer wieder darauf überprüfen, ob seine Nutzung noch den heutigen Bedürfnissen entspricht. Wo heute Autos stehen, könnten morgen Bäume Schatten spenden, Kinder spielen oder Menschen draussen zusammensitzen. Es geht nicht darum, Autos per se zu verbannen, sondern den öffentlichen Raum möglichst sinnvoll für alle zu nutzen.
«Läbigi Stadt» steht für nachhaltige Mobilität, Aufwertung des öffentlichen Raumes, Klimaanpassungsmassnahmen, autoarme Wohnquartiere und originelle Strassenaktionen. Wo wollt ihr Eure Schwerpunkte setzen?
VZ: Einer unserer Schwerpunkte wird sicher die Umsetzung von Klimaanpassungsmassnahmen sein. Dieser Sommer hat es gezeigt: es wird rasant heisser, und die Klimakrise ist längst nichts Abstraktes mehr, das uns nur aus der Distanz betrifft. Doch auch der soziale Aspekt der Stadtgestaltung ist wichtig: Wir wollen ein Bern, das Begegnungsorte schafft, eine Stadt, in der die Menschen gerne Zeit verbringen und die Quartiere lebendig sind. Welches Projekt wir als nächstes angehen, werden wir gemeinsam mit unseren Mitgliedern an der Mitgliederversammlung im Oktober diskutieren – wir haben viele Ideen!
CL: Ich lebe unglaublich gerne in Bern. Gerade deshalb beschäftigt mich, wie wir die Lebensqualität trotz der zunehmenden und besorgniserregenden Hitzewellen nicht nur erhalten, sondern weiter ausbauen können. Denn Klimaanpassung ist längst keine Zukunftsfrage mehr – sie betrifft unseren Alltag bereits heute. Gleichzeitig ist mir wichtig, dass gute Ideen nicht nur beschlossen, sondern auch umgesetzt werden. Bern hat viele gute Strategien und Konzepte – jetzt braucht es Tempo bei der Umsetzung. Und ich wünsche mir, dass «Läbigi Stadt» weiterhin mit kreativen Projekten aufzeigt, wie eine lebenswerte Stadt ganz konkret aussehen kann.
Wo sind in Bern die Orte, die ihr am meisten ins Visier nehmen und verändern wollt?
VZ: Einerseits sind das die Quartiere – wir wünschen uns lebendige und grüne Quartiere, in denen die Anwohnenden gerne Zeit verbringen. Quartiere, die durchmischt sind und für verschiedene Menschen ein Zuhause sein können. Andererseits ist es auch zentral, dass wir bestehende Hitzeinseln in Bern angehen. Teilweise sind öffentliche Plätze in der Stadt in Hitzezeiten kaum auszuhalten. Das muss sich ändern.
CL: Mich interessieren besonders die Orte mit dem grössten Veränderungspotenzial: breite Strassenräume, überdimensionierte Kreuzungen oder grosse Asphaltflächen. Viele dieser Orte wurden in einer Zeit geplant, als andere Prioritäten galten. Heute müssen wir sie mutig neu denken – mit mehr Grün, Schatten und Aufenthaltsqualität. Gleichzeitig müssen wir nicht überall auf den grossen Umbau warten: Oft können bereits erste Massnahmen wie Bäume, Entsiegelungen oder Sitzgelegenheiten eine spürbare Verbesserung bringen.
Wie können wir verhindern, dass die Aufwertung des öffentlichen Raums zu einer zu starken Gentrifizierung führt und die Menschen verdrängt, für die wir uns eigentlich einsetzen?
VZ: Für uns ist es wichtig, dass alle Bevölkerungsgruppen an der Gestaltung des öffentlichen Raums beteiligt sind - nur so können die verschiedenen Bedürfnisse berücksichtigt werden. Hier leisten Quartierorganisationen zentrale Arbeit. Zudem ist es wichtig, dass genügend Freiräume ohne Konsumzwang bestehen und das Wohnen in der Stadt bezahlbar ist. Niemand soll aus der Stadt verdrängt werden.
CL: Eine höhere Lebensqualität darf kein Privileg einzelner Quartiere sein. Klimaanpassung, Begrünung und attraktive öffentliche Räume müssen in der ganzen Stadt umgesetzt werden. Gleichzeitig braucht es genügend bezahlbaren Wohnraum, damit alle Menschen von einer lebenswerten Stadt profitieren können. Nur so bleibt die Stadt vielfältig und lebendig.
Welches haltet ihr für die wichtigste Aufgabe von «Läbigi Stadt»?
VZ: «Läbigi Stadt» wurde 1993 gegründet – und hat seither vieles erreicht. Trotzdem bestehen auch weiterhin grosse Herausforderungen in Bern. Wir werden auch in Zukunft mit viel Einsatz daran mitarbeiten, die gute Ausgangslage zu halten und neue Projekte mit Leuchtturmcharakter in Angriff zu nehmen. Wir schauen der Stadt auf die Finger und wollen viele der in anderen Städten erfolgreichen Ansätze auch bei uns in Bern umsetzen. Du willst dabei sein und deine Ideen einbringen? Dann werde «Läbigi Stadt»-Mitglied und komm an unsere MV im Oktober!
CL: «Läbigi Stadt» schlägt Brücken zwischen Politik, Quartieren und Bevölkerung. Der Verein entwickelt Ideen, bringt Menschen zusammen und zeigt auf, wie eine lebenswerte Stadt konkret aussehen kann. Gleichzeitig wollen wir auch unbequem sein und Themen aufgreifen, bevor sie mehrheitsfähig sind. Wir wollen weiterdenken als die Tagespolitik. Städte entstehen nicht für die nächsten vier Jahre, sondern für die nächsten Generationen. Deshalb braucht es Organisationen, die mutige Impulse setzen, langfristige Perspektiven einbringen und zeigen, dass Veränderung möglich ist.